Ansicht von Bergün, Mitte 19. Jahrhunderts. (Aus "Album der Nord- und Ostschweiz" von Ludwig Rohbock, ca. 1870 in Basel veröffentlicht.)

Im 17. Jahrhundert war Bergün (im Bergüner Dialekt: Brauegn) von den Merkmalen einer typischen Bündner Nachbarschaft an einer Passstrasse geprägt: die Bevölkerung lebte von der Landwirtschaft und vom Reise- und Handelsverkehr über den Albula, während verschiedene Familien des Herrenstandes wie die Planta, die Salis, die Buol oder die Beeli von Belfort immer mehr ihrer Vertreter ins Bergüner Bürgerrecht einkaufen konnten.

Als Hauptort der Gerichtsgemeinde Bergün hatte die Nachbarschaft Bergün gegenüber den anderen Nachbarschaften Latsch, Stuls und Filisur die Nase immer vorn. Der jährlich gewählte Mastrel (Landammann, Richter) war immer ein Bergüner; die Veltliner Ämter gingen immer an Bergüner; und auch das Recht, im Palpuognasee zu fischen, blieb den Latschern trotz wiederholter Bemühungen vorenthalten.

Beim Bau der Albulabahn anfangs des 20. Jahrhunderts störten die Latscher den Baubetrieb durch das Herabwerfen von Steinen; im 17. Jahrhundert wurde den Stulsern vorgeschrieben, dass sie nur an einem Tag pro Monat Steine von ihren Feldern in den Abgrund werfen durften. Der Steinewerftag musste im Voraus angekündigt werden, und Stuls hatte auf dem Weg, der unterhalb von Stuls verlief, Wachen aufzustellen, die die Reisenden vor der Gefahr warnten.

Bergüner Estim aus den kriegeriscihen 1620er Jahren mit vielen Streichungen

Das Cudesch da Estims, das Verzeichnis der Steuerlisten, gibt genaue Auskunft über die Anzahl der Steuersubjekte und ihre Vermögensverhältnisse für die Jahre 1562, 1573, 1579, 1583, 1589, 1599, 1609, 1622, 1633, 1644 und 1663. Wir entnehmen dem Cudesch, dass die Nachbarschaft Bergün um 1600 ungefähr 160 Haushalte umfasste, wobei nicht alle Haushalte ein eigenes Haus besessen haben können. Der Besitz der einzelnen Haushalte war breit gestreut: im ersten Estim von 1562 reichte die Spanne von 50 bis 6600 Gulden, auf dem Höhepunkt der Ungleichverteilung 1609 reichte sie von 50 bis 80'000 Gulden. Zum Vergleich: ein Ochse kostete damals 20 Gulden, der Jahreslohn eines Knechtes betrug ebenfalls 20 Gulden. Wiesen und Äcker, die wichtigsten Vermögenswerte, wurden je nach Grösse und Fruchtbarkeit für Summen zwischen 50 und 500 Gulden gehandelt.

In Bergün lebten auch einige Hintersässenfamilien - niedergelassene Einwohner ohne Bürgerrecht. Das Cudesch da Convenziuns im Gemeindearchiv Bergün enthält für die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts jährlich eingetragene Listen ihrer (durchwegs walserischen) Namen: diese Nachbarn zweiter Klasse waren gezwungen, jedes Jahr eine Bürgschaft in der Höhe von 100 Kronen für ihr Wohlverhalten zu hinterlegen!

Anders als heute, wo der Schwerpunkt der Bergüner Landwirtschaft auf der Vieh- und Milchwirtschaft liegt, wurde im 17. Jahrhundert auf vielen Äckern Roggen, Gerste, Bohnen und Erbsen angebaut, möglicherweise auch Flachs. Wieviele Kühe die damaligen Bergüner Landwirte besassen, wissen wir nicht. Aber aus Estim-Listen aus dem Engadin geht hervor, dass die durchschnittliche Bauernfamilien zwischen zwei und fünf Kühe besassen. Neben den Kühen wurden Schafe, Ziegen, Schweine und Hühner gehalten, sowie Ochsen als Last- und Zugtiere und - von wohlhabenden Nachbarn - Pferde.

Obwohl keine der grossen Handelsstrassen in den Süden über den Albula verlief, musste der Saumweg über den Pass auch im Winter offen gehalten werden. Entsprechende Abmachungen wurden in grosser Zahl mit den Nachbarn von Chamues-ch getroffen. Ein Hindernis für den Saumverkehr über den Albula war der Bergünerstein, die senkrechte Felswand unterhalb des Dorfes, die die Reisenden zwang, einen Umweg über die Pentsch zu machen und dabei eine beträchtliche Gegensteigung in Kauf zu nehmen. Es ist deshalb leicht verständlich, warum man in Bergün immer wieder Anläufe unternahm, eine möglichst flache Strasse durch den Bergünerstein zu bauen!

 

Literatur

Cloetta, Gian Gianett: Bergün-Bravuogn: Heimatkunde. Thusis, 1954.

Cloetta, Zon Zanett: Igl pled da Brauegn. Brauegn, 2011

Nicolay, Pol Clo; Nicolay, Marco: Vocabulari a mañ digl cuedasch digl Zon Zanett Cloetta. Brauegn, 2013.

Gregori, Giacomo; Guidon, Joos; Schmidt, Robert: Flurnamen der Gemeinde Bergün/Noms rurels dla vischnancha da Brauegn. Teil 1 dt., Teil 2 roman. Bravuogn 2005.

 

Quellen

Cudesch da Estems, in Privatbesitz, digitalisierte Version online hier.

Kirchenbücher von Bergün (Ehe- und Taufregister): Gemeindearchiv Bergün und Staatsarchiv Graubünden (Mikrofilm).

Cudesch da Convenziuns, Gemeindearchiv Bergün.

 

Online

Wikipedia-Artikel zum Bergünerstein

Website der fusionierten Gemeinde Bergün-Filisur

Website des Ortsmuseums Bergün